Timbuktu, die «Myteriöse»

Einst galten die Herrscher im Sahel als die reichsten Könige der Erde. Nach zehn Monaten der Misshandlung durch eine islamistische Soldateska droht der malischen Stadt Timbuktu eine Zeit der Abrechnung. Noch ist die Bedrohung nicht aus der Umgebung verschwunden.

Von Georg Brunold, Die Weltwoche, 07.02.2013

Als Kankan Musa, der Sultan von Mali, im Jahre 1324 als Pilger auf seinem Hadsch nach Mekka kam, verteilte er in der heiligen Stadt 20 000 Goldstücke als Almosen. Von seinem Zwischenhalt in Kairo hat sich der Goldpreis, so ist bei Chronisten nachzulesen, zwölf Jahre lang nicht erholt. Die Berichte venezianischer Kaufleute, die Kankan bei seinen Einkäufen zu Diensten waren, beflügelten die abendländische Fantasie. Darunter soll sich auch alles befunden haben, was der Sultan an wissenschaftlicher Literatur, auch an juristischen Abhandlungen bekommen konnte. Schon 500 Jahre zuvor galten die Herrscher im Sahel als die reichsten Könige der Erde.

Mächtig ist der Appeal von Kankan Musas Gärten jenseits der großen Wüste. Sagen nicht manche, schon die Wüste selber rufe? Aus den märchenhaften Landen am Nigerknie südlich der Sahara erreichte für viele Jahrhunderte kein gesichertes Zeugnis die nördliche Mittelmeerküste. Timbuktu «die Mysteriöse», wurde zum Magnet für Forscher, Entdeckungsreisende und Abenteurer. Von Mungo Park und Gordon Laing, die sich kurz nach 1800 dahin aufmachten, wird angenommen, dass sie die Stadt erreichten. Doch sie kehrten aus Timbuktu nicht zurück. Der erste Augenzeuge, der über seinen Besuch 1828 berichten und dafür den von der Pariser Société de géographie ausgesetzten Preis von 10 000 Francs einkassieren konnte, war der Franzose René Caillié.

Zu sehen bekommen hatte er ebenso wenig wie als Nächster 25 Jahre später der Deutsche Heinrich Barth: einige Moscheen und Heiligengräber aus dem Material der Lehmschlammziegelhäuser, das schon am Südhang des Atlas dasselbe ist. Noch war die Stadt ein Karawanenknotenpunkt im Salzhandel des Sahel, aber die berühmte Gelehrsamkeit, von der Reisende wie Ibn Battuta aus Tanger im 14. Jahrhundert oder Leo Africanus Anfang des 16. Jahrhunderts berichtet hatten, war längst von marokkanischen Eroberern nach Norden deportiert worden, Personal und Bücher. Im April letzten Jahres, beim Fall der Stadt an die Islamisten-Allianz, soll von den 30 000 oder 50 000 im Ahmed-Baba-Institut gesammelten historischen Handschriften der größere Teil bereits in die malische Hauptstadt Bamako evakuiert worden sein. Bis heute ist Timbuktu keine sichere Lagerstätte für geschriebene Schätze der Weltweisheit.

Timbuktu, November 1991. –– Das Ende des Kalten Kriegs hatte Afrika eine Zeit der hundert Blumen gebracht, eingeläutet durch ein wahres Köpferollen abgewählter oder gewaltsam aus dem Sattel gehievter Despoten, die gleich scharenweise aus ihren Palästen verschwanden. Mit der Üppigkeit des großen Regenwalds schossen allenthalben der Pluralismus und multipartism aus dem Boden, vielerorts Ausschweifungen einer durchaus kreativen Anarchie. Streifzüge durch das Innere dieses neuen, lichten Kontinents wurden zu Höhenflügen einer Euphorie, welche die Gespenster der Vergangenheit aus dem Gesichtsfeld vertrieben hatten. Auch diese Rebellion der Tuareg im Norden Malis – handelte es sich dabei nicht nur um ein letztes Flackern hinter dem fliehenden, von weichen Dünen überhöhten Horizont der Sahara, um ein fernes, kaum noch vernehmliches Grollen, dem der letzte Rest an Brennstoff nächstens ausgehen musste?

Als der Himmel über Timbuktu sang

Der erste Europäer in Timbuktu war ich nicht mehr. Auf den Stufen vor dem Hoteleingang saß ein weißer Mann in – nicht anders zu erwarten – einem Tropenhelm. «Ääässökö vus-ääätö dö Looooosanne?», ließ er in einem ganz gemächlichen Crescendo seine Stimme anschwellen, und dies als Antwort auf mein ganz unschuldiges, vielleicht fast achtloses, aber gewiss nicht unfreundliches «Bonjour, Monsieur». In Timbuktu machte es mir nichts aus, von Lausanne zu sein, und der Empfang durch den Parisien und Landsmann René Cailliés war der Auftakt eines heiteren Aufenthalts in der gleißende Helle dieser monochromen Wüstenstadt, der übermorgen Samstagnachmittag in einem Großaufzug von vollendeter Farbenpracht zu seinem Höhepunkt gelangen würde.

Ob heute immer noch, habe ich nicht abgeklärt; aber damals kürte Malis Staatsvolk seine beste Band in einem vorbildlich demokratischen Wettbewerb: Erst traten die bekannteren der ungezählten malischen Bands innerhalb der zwölf Regionen im Cup-System gegeneinander an, Viertelfinal, Halbfinal, Final. Anschließend die Sieger der Regionen gegeneinander. Nun aber spielten die Titelhalter der Région 12 außer Konkurrenz zu einem Benefizkonzert auf – ein Tag, auf den die gesamte Bevölkerung der Regionshauptstadt Timbuktu sich einige Wochen vorbereitet und dafür herausgeputzt hatte.

Jung und Alt von 5 bis 85 – wer das Haus verlassen und sich auf den Beinen halten konnte – strömte unter Timbuktus aufklingendem Himmel zusammen. Zwei Stunden mochte der Anmarsch gedauert haben, während dem die acht Musiker ihre Instrumente stimmten, wieder und wieder stimmten, unterbrochen von ausladenden Solodarbietungen der Instrumentalisten, jeder für sich allein eine unschlagbare Größe. Dann, gegen halb acht, das Geschehen hatten nun die Scheinwerfer im Griff, stieg, zwei Taktstöcke in der Linken, ein Liliputaner auf den großen ledernen Puff am vorderen Bühnenrand. Ausführlich begrüßte er die Menge, um ihr anschließend kurzentschlossen den Rücken zuzukehren und, die Arme noch ein wenig weiter gespannt, sich seine Band vorzuknöpfen. Los ging es! Bis Mitternacht kein Anzeichen von Ermüdung. Noch für Tage beschwingten mich die Klänge und wiegten mich mit ihrer ganzen Zärtlichkeit nachts in einen zuckersüßen Schlaf.

Nicht überall versagt sich die islamische Welt der Musik wie die Wahhabiten in Saudi-Arabien. Ob Christen, Muslime, Animisten oder mehreres davon gleichzeitig, wie mein ugandischer guter alter Freund Crispus Mundua dazu einmal bemerkt hat: «Oh, ja, das kannst du mir glauben, Afrika braucht alle Musik, die wir bekommen können.» Am Nigerknie in Mali aber konnte es an jenem Tag nicht anders sein, als dass der Himmel über Timbuktu immer singen würde.

Aber die Rebellion der Tuareg, die mich von Berufs wegen nach Timbuktu gebracht hatte, war keineswegs vorbei, ist es bekanntlich auch zwanzig Jahre später nicht. Aus einem schon länger mottenden Konfliktherd im Jahre 1990 aufgeflammt, damals durchaus eine Parallelerscheinung zur Liquidation der Sowjetunion, hat sie letztes Jahr einen neuen Höhepunkt erreicht: diesmal als Parallelerscheinung zur Demontage von Gaddafis Libyen. Lockerten sich damals mit dem Sturz von General Moussa Traoré die Zwingen von dessen zwanzigjähriger Militärherrschaft, so war die Anarchie diesmal in einigen wichtigen ihrer Erscheinungsformen importiert, namentlich in Gestalt entlassener Söldnerscharen aus Libyen samt mitgeführter umfangreicher Waffenarsenale. Wo ein Potentat auf islamischem Boden keinerlei funktionierende Einrichtungen eines Staates, sondern allein die nunmehr herrenlosen Waffenträger seiner Sicherheitsorgane hinterlässt, bemächtigen sich diese auch der einzigen Institution, deren zuvor unbewaffnete Autorität im besten Fall die Fassade einer geistlichen Unabhängigkeit verteidigt hatte: nämlich die Moschee.

Wo befindet sich die Stadt Timbuktu jetzt, da nach zehn Monaten der Misshandlung durch die internationale Islamistensoldateska der traumatische Albdruck weicht? Die Bevölkerung der Reis- und Hirsepflanzer und brotlosen Kunsthandwerker, die sich in den gut zwanzig Jahren seit meinem ersten Besuch von gut 20 000 auf gegen 60 000 verdreifacht hat, blickt einer Zeit der Abrechnungen entgegen. Durch die Koalition eines Teils von ihnen mit dem Teufel haben vor allem die Tuareg sich selber wieder einmal einen Bärendienst erwiesen. In der Stadt stellten sie zusammen mit den Arabern in den letzten Jahren vielleicht ein Fünftel bis ein Viertel der Einwohner. Entweder haben sie sich mit den Besetzern arrangiert, oder es wird ihnen von Timbuktus großer Songhai-Mehrheit zumindest nachgesagt werden. Das Gleiche gilt für die arabischen Händler, mehrheitlich aus dem benachbarten Mauretanien, von denen viele das Weite gesucht und ihre Landen Plünderern überlassen haben. Im übrigen ist die islamistische Bedrohung nicht aus der Umgebung verschwunden, die unwegsam und unbegehbar bleibt. Die Isolation bedeutet für die Stadt eine Stagnation, aus welcher der Tropf humanitärer Versorgung aus der Luft keinen Ausweg weist.

Tragische Talfahrt der Tuareg

Die Tuareg derweil – das Volk der tawariq: arabisch für Wege – blicken auf eine tragische Talfahrt in die Welt der Gegenwart zurück, und wie Nomaden anderswo bringt die Zukunft für sie wenig Erbauliches in Sicht. Ihre traditionelle Wanderweidewirtschaft hat sich von den großen Saheldürren der siebziger und achtziger Jahre nie erholt, und ebenso wenig ihr Fleischhandel, der doch einst Märkte von den südalgerischen Oasen bis nach Senegal und zur Côte d’Ivoire bediente. Schon lange aber handelte es sich dabei nicht mehr um den großen Nomadismus, der als Lebens- und Wirtschaftsform viele Jahrhunderte hindurch von der Sklavenhaltung abhängig und mit deren Abschaffung schließlich zum Untergang verurteilt war.

Sich selber nennen sie die imoukhar, die Noblen, und von romantisch angehauchten Völkerkundlern wurde diese Noblesse der «blauen Menschen» für den europäischen Lesergeschmack zum Wüstenmythos stilisiert. Noch ist davon ein Superioritätskomplex übrig: den angeblich dunkelhäutigeren sesshaften Nachbarn gegenüber, die darin vor allem Arbeitsscheu wahrnehmen. Die Wanderhirten haben unterdessen schon vor über zwanzig Jahren bei den Söldnerlegionen Nordafrikas und des Mittleren Ostens Unterschlupf gefunden, von der Westsahara bis zum Hindukusch, und den großen Ausritt in den Kamelkarawanen ersetzten nunmehr Einsätze bei der Polisario, in Gaddafis Islamischer Legion, im libanesischen Bürgerkrieg, im afghanischen und später im irakischen Widerstand. Nach allem haben die Heimkehrer nicht alleine angeklopft, sondern im Gefolge – und kaum als Kommandanten – ihrer Waffenbrüder vom weitläufigen Kampfschauplatz der militanten islamistischen Internationalen. Städte wie Timbuktu können sich ihrer nicht aus eigener Kraft erwehren.

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Georg Brunold ist promovierter Philosoph und bereiste, unter anderem als Korrespondent der NZZ, gegen fünfzig Länder in Afrika. Er hat eine Vielzahl von Büchern und Essays verfasst und herausgegeben.