Lob der Fremdheit. Ein Buch von Frank Böckelmann

Der gutmeinende Antirassist springt dem Fremden bei, indem er ihm sein Fremdsein abspricht: Er blendet alle Unterschiede aus. Gut gemeint ist da nicht gut genug. Ein Plädoyer wider die Gleichmacherei.

Von Georg Brunold, Die Weltwoche, 25.06.1998

Die Bewohner des Planeten sind sich nähergekommen, niemand mag das bestreiten. Es wird geredet von einem weltweiten Zusammenschluss. Ein Wort wie «Globalisierung» scheint, dank der ihm eigenen Kräfte, ganz für sich allein die Vorgänge abzuwickeln, von denen es kündet. Angesichts eines solchen Phänomens gibt es keine Ausflucht und kein reines Gewissen, denn bei der Globalisierung, die derzeit sich selbst globalisiert, kann noch die triftigste Beanstandung ihren Elan nur mehren. Was der amerikanische Publizist Francis Fukuyama mit dem Ende der Geschichte angesagt hat: Bald ist alles überall gleich. Und diesen lapidaren Befund könnte man auf sich beruhen lassen, wenn darin weiter nichts als Unsinn zum Ausdruck käme.

Was uns nötigt, darauf zurückzukommen, ist wieder einmal ein Geist, der sich als kritisch, im Dienste des Fortschritts versteht und sich daher seiner selbst sicher ist. «Die perfideste Art einer Sache zu schaden», schrieb Nietzsche, «ist, sie absichtlich mit fehlerhaften Gründen verteidigen.» Die böse Absicht kann, wie im vorliegenden Fall, in einer gutmeinenden, doch nicht minder gemeingefährlichen Bewusstlosigkeit einen vollwertigen Ersatz finden – man kennt das unter dem Namen «Bärendienst».

Vom Recht, anders zu sein

Es gibt einen Geist, der sich als moralischer Widerstand gegen die Diskriminierung von Angehörigen fremder Völker und zugleich gegen die planetarische Einebnung der Kultur profiliert, während er in Wahrheit die Situation nur verschlimmert. Es ist eine verbreitete, weil anspruchslose, denkfaule Form von Antirassismus, die dem erkannten Übel der ethnischen Diskriminierung nichts entgegenzusetzen weiß als die glatte Unterschiedslosigkeit. Gegen dieses Rezept von Schlichtung ist Einspruch zu erheben. «Solche Menschlichkeit», schreibt Frank Böckelmann in seinem kürzlich erschienenen Buch Die Gelben, die Schwarzen, die Weißen, solche Menschlichkeit «macht mit ihrem Gegenüber weniger Federlesens als Todfeindschaft.»

In Deutschland lässt sich beobachten, wie die Kampagne gegen die Fremdenfeindlichkeit (meist ungewollt bagatellisierend Ausländerfeindlichkeit genannt) die Fremdheit selbst obszön werden lässt. Die neue Fremdenfreundlichkeit springt dem Fremden zur Seite, indem sie ihm seine Fremdheit abspricht. Die Feindlichkeit, heißt das, richtet sich nicht länger gegen den Fremden, sondern gegen dessen Fremdheit, die in unserer hochrationalen Gesellschaft nur um den Preis ihrer Beseitigung erträglich wird. «Aber dieses Paradox zu sehen befreit noch nicht von ihm», konstatiert Böckelmann und nimmt den patenten Einwand gegen seine Bedenken vorweg: «Indem ich das Menschsein des anderen über alles stelle, gestehe ich ihm das gleiche Recht zu, anders zu sein, wie mir selbst?»

Diese Beschwichtigung freilich bereinigt die Lage nicht, denn wieder einmal ist entschieden, was der Fall zu sein hat, bevor entschieden ist, was der Fall ist: Unter Hinweis auf die Notwendigkeiten des Zusammenlebens ergeht das Gebot, das Andersartige vereinbar zu machen, ohne dass die Frage nach der tatsächlichen Vereinbarkeit überhaupt gestellt werden darf. Der Gegenstand wird nicht zur Betrachtung zugelassen, weil er erst einmal bekunden soll, ob er gutartig oder bösartig ist – was er nicht kann.

«Was bleibt dem Fremden von seinem Menschsein, wenn er das, was mit meinem Eigensinn unvereinbar ist, aufgeben soll?» fragt Böckelmann. Er weist hin auf die hartnäckige Blindheit für den Widerspruch, der den multikulturalistischen Enthusiasmus kennzeichnet: «Die einen bestehen auf Autonomie und Gleichbehandlung für jede einzelne Volkskultur. Die anderen sehen alle Kulturen in wechselseitiger Durchdringung und Interaktion begriffen und frohlocken über eine immense ‹Vielheit unterschiedlicher Lebensformen von transkulturellem Zuschnitt›. Nach ihrer Überzeugung schaffen Austauschprozesse mehr kulturelle Komplexität, als durch die Auflösung der Kulturen an Differenzmannigfaltigkeit verloren gehen kann. Die gehegte Kulturvielfalt geht im Entgrenzungstaumel unter, wird aber täglich, ja stündlich neuaufgelegt.»

Dieselbe Konfusion herrscht in den Vereinigten Staaten. Was stellt man sich unter ethnisch- kulturellem Pluralismus im Erziehungswesen vor: einen Pluralismus kulturell getrennter Schulen oder Vielfalt innerhalb der Schulklasse? Nachdem noch in den sechziger Jahren für die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz gekämpft wurde, ergeht unter dem denkwürdigen Titel «Affirmative Discrimination» der Ruf nach verstärkter Pflege der Vielfalt und Besonderheit in Gestalt kollektiver Identitäten. In seinem Aufsatz Das multikulturalistische Missverständnis spricht Anthony Appiah, der ghanaische Professor für Afroamerikanische Studien in Harvard, von einem «Zusammenhang zwischen der Ausdünnung des kulturellen Gehalts von Identitäten und der steigenden Lautstärke ihres Rufs nach Anerkennung». Er erblickt im «neuen Gerede von der Identität» eine rückwärtsgewandte Kraft, auf deren freiheitsfeindliche, ausgrenzende Züge schon Michael Walzer, politischer Philosoph in Yale, in seinem Buch On Toleration (1997) aufmerksam gemacht hat. «Es ist nicht die schwarze Kultur, was der Rassist verabscheut, es ist der Schwarze», schreibt Appiah. Und in einer Gesellschaft mit Rassenkonflikten ist Kultur weder das Problem noch die Lösung. Doch im Rahmen der globalen wie auch der hiesigen Globalisierung erweist sich der durchdringungs- und assimilationsfreudige Begriff von Transkulturalität nur als ein Synonym für die Verwestlichung der Welt, weit entfernt von Fragen nach der Herkunft der Vielfalt. Auf deren Vormarsch sind die Grenzen der Toleranz die Grenzen der Indifferenz.

Die neue Gleichheit aber hat, wie schon angedeutet, Vorkämpfer von wahrhaft beängstigender Arglosigkeit. Böckelmann bringt das Syndrom auf den Punkt: Das biologische Kriterium, das bis vor kurzem Ungleichheit festschrieb, erlaubt keinen Ausweg aus dem Rassismus, es definiert ihn vielmehr, auch wenn es seit einiger Zeit eine neue Völkergleichheit zu stiften hat. Was sich in einer Hinsicht – der Hautfarbe – unterscheidet, muss wenn nicht in jeder, so doch in mancher Hinsicht verschieden und unvereinbar sein. So verfuhr die Logik des alten Rassismus. Der neue wiederholt diesen Fehlschluss, indem er ihn umkehrt: Die Genetik beweist die Unerheblichkeit des biologischen Unterschieds, und wenn die Menschen sich in dieser einen Hinsicht nicht unterscheiden, so unterscheiden sie sich in keiner. Das ist der biologistische Antirassismus, der alle Vielfalt, die er in seiner Unschuld zur Kenntnis nimmt, mit seiner neu entdeckten Unterschiedslosigkeit schlägt.

Dieser Egalitarismus, der die hiesige Xenophobie definitiv in den Senkel zu stellen glaubt, treibt ungestraft Blüten, die man dem Leser nicht vorenthalten darf. «Glauben Sie es doch endlich: Wir sind alle Afrikaner! Die Hautfarbe ist nur äußere Tünche, das Haar nur ein Flachs an der Oberfläche: die größten und schlankesten Menschen leben ohnehin nach wie vor in unserer afrikanischen Urheimat, in den Steppen und Savannen Ostafrikas», zitiert Böckelmann die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». Und wenn dieser Geist der Verbrüderung rückfällig wird: «In Zeiten zunehmender Fremdenfeindlichkeit lehrt uns die moderne Paläoanthropologie: nicht die schwarze, sondern die weiße Hautfarbe hat als ‹degeneriert› zu gelten» («Süddeutsche Zeitung»).

Falls der Fremde wahrgenommen wurde, dann wurde er stets als Fremder erkannt. Die äußeren Merkmale waren dabei niemals wegzudenken. Identifikation des Anderen als Fremden muss nicht von selbst gleichbedeutend sein mit Diskriminierung, und die äußerlichen Erkennungsmerkmale legen den Fremden noch genausowenig fest wie das Prädikat «fremd» selber. Fremdheit lässt so vieles offen, wie man es von einem Unterschied der Hautfarbe denken müsste. Selbst eine identische Hautfarbe, selbst eine noch weitergehende Gleichheit der äußeren Merkmale kann vieles offenlassen. Was hingegen in manchem Fall weniger offen lässt, ist das fatale Werk unserer sogenannten Projektionen, die fremde Kulturen auf das reduzieren, was unsere Interpretationen in sie hineinlegen.

Böckelmann lässt nicht ab vom althergebrachten Versuch, an unserem Horizont auch von innen zu rütteln, ihn durch Kritik zu erweitern, unsere Begriffe gegen sich selbst zu wenden. Er ficht noch immer im Abendland der Argumente. So kämpft er zäh gegen diesen kritisch gemeinten, doch revisionsbedürftigen Begriff namens Projektion, der zum Unheil weiteres hinzufügt, indem er seinerseits die ganze Welt auf ein Spiegelbild unserer selbst reduziert. Als sähen wir überall ausschließlich uns selber.

Was aber das Fremde angeht, so hat Böckelmann, irritiert durch diesen sich selbst spiegelnden europäischen Geist, «der freiwillig keine anderen Geister neben sich» duldet, die Konsequenzen gezogen. Er hat sich nach dem Fremden auf die Suche gemacht und hat Fremdes alsbald in großem Reichtum gefunden. «Die Gelben, die Schwarzen, die Weißen»: Japaner sehen Europäer, Chinesen sehen Europäer, Weiße sehen Gelbe, Gelbe sehen Schwarze, Weiße sehen Schwarze und Schwarze sehen Weiße.

Denken mit fremdem Gehirn

Böckelmann verfolgt die wechselseitige Wahrnehmung, seit sie stattfand, vom 9. Jahrhundert über die Zeit des Imperialismus und der Kolonisation bis in die Gegenwart. Es ist eine undeutsche Neugierde, was ihn ein Jahrtausend der Berichte und der literarischen Verarbeitung zu Rate ziehen lässt, und in der Lektüre führt er eindrücklich vor, was Lesen nach einem Wort von Borges sein kann: Denken mit fremdem Gehirn.

Denn es «klafft eine Lücke in der Ableitung der Menschheit aus unseren Projektionen», und deshalb kann uns Böckelmanns Buch Asien und Afrika und uns selber in einer Weise näherbringen, die den Kulturen ihre Distanz zueinander zurückgibt. Dabei bedient er uns nicht mit einem neuen allgemeinen Begriff der Fremdheit, auf dass wir diese nun sogleich – an Stelle unserer Gleichheit, die anderen manchmal zuviel ist oder auch manchmal zuwenig – «in das Erdenrund zu projizieren» begännen. Dennoch können wir Mut fassen, nun, da wir die Zentralposition auf der Erde verloren haben. «In der Randlage finden wir die Freiheit zur Unfertigkeit, die wir in globaler Vormundschaft vermissten.» Wir werden «Freunde, Nächste, suchen, dabei auch Feinde finden?». Sie werden uns auf den Stand der Dinge bringen, denn Böckelmann hat recht: «Wir Europäer haben von ihnen Eingriffe zu erwarten, auf die wir selbst kaum Einfluss haben.»

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Frank Böckelmann: Die Gelben, die Schwarzen, die Weißen. Eichborn, 1998. 456 S., Fr. 49.50

Georg Brunold ist Redaktor der Zeitschrift «du» und Buchautor (Afrika gibt es nicht. Rowohlt-Taschenbuch, 1997)