Herders Humanität in Händen

Seit Mitte September, ein gutes Jahr vor Johann Gottfried Herders 200. Todestag, liegt sein unvollendet gebliebenes Hauptwerk Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit erstmals in einer bereinigten und brauchbar kommentierten Ausgabe vor.

Von Georg Brunold, Zeitschrift du, 01.03.2003

77 Angebote von zwei Dutzend Ausgaben zwischen 1784 und 1989, Auszüge 85 bis 1640 Seiten lang: Man mag es im Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher (www.zvab.de) versucht und wahrscheinlich aufgegeben haben. Doch die Welt hat sich verändert. Seit Mitte September, ein gutes Jahr vor Johann Gottfried Herders 200. Todestag, liegt sein unvollendet gebliebenes Hauptwerk Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit erstmals in einer bereinigten und brauchbar kommentierten Ausgabe vor – Band III/1+2 der von Wolfgang Pross herausgegebenen Werkausgabe bei Carl Hanser, im ersten Halbband der Text, im zweiten der Kommentar. Das unschätzbare Verdienst teilen mit dem Herausgeber und dem Münchner Verlag der Schweizerische Nationalfonds und die Stiftung zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung der Universität Bern.

Obschon von Goethe nachhaltig ermutigt und inspiriert, waren die Ideen in der vernunftkritischen Prüfung Kants durchgefallen. Während Schiller über Herders – wie er es sah – Materialismus die Nase rümpfte, mokierte Kant sich über einen diffus-abstrakten Pantheismus, die organische Allmacht von Kräften in und hinter der Natur, die der Erfahrung, so Kant, jeden Zugang verweigerten.

Wie der Herausgeber Pross in einem Verlagszirkular zur Neuausgabe anmerkt, hat der hohe Königsberger Richterspruch – Kant rezensierte den 1. Band 1784 ausgiebig – der Forschung für zwei Jahrhunderte allen Wind aus den Segeln genommen. Man kann ihn ohnehin nicht lesen, pflegten sogar Philosophieprofessoren zu versichern, und in der Tat hielt man es weder für nötig noch lohnend, überhaupt erst hinter die verhandelten Gegenstände etlicher der zwanzig Bücher zu kommen. Im Verruf als schwärmerischer Gegenaufklärer, der den humanistischen Geist der Klassik in eine ebenso obskure wie unüberschaubar voluminöse Gründungsakte des deutschen Nationalismus umgoss, fand Herder die Zuwendung eines Franzosen, der sich in seinem Kommentar von 1940 auf ein deutsches Europa einstimmte, und ein Vierteljahrhundert später brachte er es zu einer zweiten kommentierten Ausgabe im Aufbau-Verlag der DDR.

Der Kommentar von Pross, eine Ausnahmeleistung in jeder Hinsicht, gibt Herder der europäischen Moderne mit ihren Ahnen Macchiavelli, Locke, Vico zurück, und für das große Werk in der Geschichte der Anthropologie und des okzidentalen politischen Denkens ist die Stunde der Lektüre gekommen. Die «Humanität», dieser Orkus «umfassender Bildung und höchsten sittlichen Verhaltens des Menschen», wie es in deutschen Lexika heißt, kann sich damit – wenigstens um eine Spur – Herders Thema wieder nähern: dem Menschen als jenem Mittelgeschöpf im Kosmos, das nach unten und nach oben, hin zum Tierreich und zum Göttlichen, offen ist. Und ihr von Cicero geerbter Name mag endlich für das stehen, was Isaiah Berlin stets als Herders moderne Entdeckung ins Licht zu stellen suchte: nicht etwas Noumenales, sondern die Pluralität menschlicher Zivilisationen und Kulturen. Ein Dankeschön allen Beteiligten!

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Johann Gottfried Herder: «Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit». Werke Band III, 1 + 2, Hanser, München 2002, 1192 + 1032 S., Fr. 156.-.