Jemen am Abgrund – ein Vexierbild

Seit dem gescheiterten Flugzeugattentat von Detroit gilt der Jemen als neue Brutstätte des islamistischen Terrors. Deutschland macht die jemenitische Regierung für das Erstarken von Al Qaida verantwortlich. Was geschieht im Süden der arabischen Halbinsel wirklich? Eine Spurensuche.

Von Georg Brunold, Cicero WELTBÜHNE, 01.07.2010

Noch ragt die himmelstürmende Front von Sanaas dreihundertjährigen schokoladebraunen Ziegelbauten über die Hochebene hinaus, die in der Morgensonne Flecken eines grünen Überzugs erahnen lässt. In den gleißend weiß getünchten Einfassungen der hohen Bogenfenster schlucken die Alabasterscheiben das Sonnenlicht. Gleich flaschenbodendicken Brillengläsern müssen sie wohl einen Blick hinaus gewähren. Doch das Innenleben dieser einzigen riesigen Burg liegt in tiefem Dunkel, bis bei Einbruch der Nacht die Fassaden, durchsetzt von unzähligen Murmeln aufschimmern.

Jetzt aber strömen, unter weinroten Bougainvilleakaskaden, die Kinderscharen aus dem Altstadtgemäuer in die Senken der Umfahrungsstraßen von Jemens Hauptstadt. Wir sind in einer der jüngsten Gesellschaften dieser Welt. Das Gassenlabyrinth im Inneren der Stadtmauer ist herausgeputzt. Alles ist diskrete Freundlichkeit, und wenn nicht erst beherztere Ermittlungen vor Ort, so lassen doch die Weltmedien etwas rascher erahnen, dass Südarabien Begegnungen mit „verwegenen“ Männern in Aussicht stellt.

„Schwarzer Rauschebart, dunkle Augen hinter ovalen Brillengläsern, ein leichtes Lächeln auf den Lippen: Der Mann, der so freundlich in die Kamera schaut, heißt Anwar al Awlaki (39), ist fanatischer Hassprediger – und gilt als neuer Terror-Pate“, hieß es in der Bild-Zeitung. Er soll im Jemen „den Nigerianer Umar Faruk Abdulmutallab (23) aufgehetzt und zum Terrorbomber gemacht haben – doch dessen Anschlag am ersten Weihnachtstag auf den Airbus Delta NW 253 misslang“.

Wer ist dieser Awlaki, den amerikanische Medien als „bin Laden des Internets“ bezeichnen? Er wird am 22. April 1971 in Las Cruces, New Mexico, in den USA geboren, ab 1978 lebt er elf Jahre im Jemen, wo sein Vater als Präsident der Universität Sanaa und Landwirtschaftsminister unter Präsident Ali Abdullah Saleh dient. 1994 erwirbt er in den USA einen Bachelor of Science in Civil Engineering (der akademische Grad des in Saudi- Arabien aufgewachsenen Jemeniten Osama bin Laden), gefolgt von einem M. A. in Education Leadership. Als religiöser Autodidakt ist er 1994 bis 2001 Imam an verschiedenen Moscheen in Denver, San Diego und Washington, wo er auch muslimischer Kaplan der George Washington University wird. Dem FBI fallen Kontakte zu Terroristenkreisen auf, darunter zu zwei der Attentäter vom 11. September 2001. Genügend Indizien für eine Strafverfolgung glauben die amerikanischen Behörden dennoch nicht zu haben.

Nach einem zweijährigen Aufenthalt in London lebt Anwar al Awlaki seit 2004 wieder in Jemen. 2006 auf amerikanischen Druck erstmals inhaftiert, im folgenden Jahr aber als Reumütiger freigelassen, zieht er sich in einen Weiler seines Stammes in der östlichen Provinz Shabwa zurück, produziert fortan CDs und das Büchlein „44 Wege, den Dschihad zu unterstützen“. Seine Website ist offline, seit das FBI seine E-Mail-Korrespondenz mit dem texanischen Militärpsychiater Nidal Malik Hasan gelesen hat, der vergangenes Jahr in Fort Hood 13 Armeeangehörige erschoss und von Awlaki als Held gefeiert wurde. Im Jemen ist das Interesse an dem arabischen Amerikaner gering.

Bei Sheikh Tariq al Fadhli verhält sich das anders. Seine Dschihadisten-Odyssee beginnt 1967, im Alter von drei Monaten. Auf der Flucht vor der siegreichen südjemenitischen Unabhängigkeitsbewegung FLOSY (Front for the Liberation of South Yemen) trifft der Sohn des Sultans von Abyan mit seiner Familie in seinem ersten Exil in Saudi-Arabien ein. Im Nordjemen tobt noch der Bürgerkrieg zwischen den von 150 000 Soldaten Gamal Abdel Nassers unterstützten Republikanern und den von Saudi-Arabien finanzierten Monarchisten, während auf dem Gebiet der zuvor britischen Südarabischen Föderation alsbald aus Moskau gesteuerte Kommunisten den einzigen marxistischen Staat in der arabischen Geschichte installieren. Zwanzig Jahre später kämpft Fadhli als Mudschahid gemeinsam mit Osama bin Laden unter Gulbuddin Hekmatyar gegen die sowjetische Besatzungsmacht in Afghanistan.

Als kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auch die Volksdemokratische Republik Jemen beiseitegeräumt ist, betritt Fadhli 1990 im vereinigten Jemen erstmals väterliche Erde – und landet alsbald als Dschihadist hinter Gittern. Wohl ist von seinen Mitstreitern, den afghanischen Arabern, ein guter Teil noch wenige Jahre zuvor von der jemenitischen Armeeführung rekrutiert worden. Aber Präsident Ali Abdullah Saleh schätzt es nicht, dass Heimkehrer 1992 in Aden Bombenanschläge gegen Hotels verüben, von wo aus US-Personal im Rahmen der amerikanischen Intervention in Mogadischu logistische Unterstützung leistet. Saleh hat es sich im Vorfeld des ersten Golfkriegs durch seine Parteinahme für Saddam Hussein mit den Saudis verdorben, wofür eine gute Million jemenitischer Gastarbeiter in den Golfstaaten mit ihrer Ausweisung und einer ruinierten Existenz zu büßen haben. Salehs langjährige Wiedergutmachung beginnt mit einem freundschaftlichen Verhältnis zur neuen amerikanischen Administration Bill Clintons.

Als 1994 der ehemalige Südjemen wieder auf Unabhängigkeitskurs geht, holt Saleh den kampferprobten Fadhli aus dem Gefängnis, verspricht ihm Rückerstattung eines Teils der väterlichen Ländereien und setzt ihn an die Spitze seiner Volksmiliz, darunter etwa 4000 Afghanistan-Veteranen, welche die Sezessionsbewegung in Aden im Blut zu ersticken hat. Dasselbe von der Armee zu verlangen, hätte der Führung in Sanaa riskant erscheinen müssen. Der Sheikh von Abyan rückt ins Hohe Komitee der Regierungspartei (People’s General Congress) auf und heiratet eine Schwägerin von Generalmajor Ali Muhsin, dem zweiten Mann des Regimes, der seinerseits mit dem Staatschef verwandt ist.

Fadhlis Bündnis mit Sanaa hält fünfzehn Jahre, bis er im Frühjahr 2009 über dem Sultanspalast von Abyan die Fahne der ehemaligen Volksrepublik Südjemen hisst. Deren letzter Staatschef Ali Salim al Beidh hat sich zur selben Zeit, nach fünfzehnjährigem Exil in Oman, mit einem von Deutschland aus verbreiteten Kampfaufruf an die Spitze einer zusehends erstarkenden Bewegung gestellt, die den Süden in die Unabhängigkeit zurückführen will. Ihr zweiter Mann heißt Fadhli.

Weiterhin legt dieser Gewicht auf seine engen Verbindungen zu allen Dschihadisten im Land mit Ausnahme, wie er versichert, von Al Qaida, obschon diese bei Abyans Hauptstadt Zindschibar eines ihrer Lager unterhält. Zur Untermalung zieht Fadhli neben der volksdemokratischen die US-Fahne auf, trinkt mit amerikanischen Journalisten Whiskey und singt deren Nationalhymne. Noch vorletztes Jahr erklärte Fadhli, sein Emir, dem er Loyalität schulde, könne nur Osama bin Laden sein. Der Freund und Feind von allen hat es sich denn auch noch nicht zu Ende überlegt und im März wiederum mit Saleh ein Abkommen geschlossen. Seine Fahnen des Hochverrats gehen zur selben Zeit vom Mast, als andere Mitglieder der südlichen Bewegung zehnjährige Gefängnisstrafen antreten. Drei Wochen später kündigt Fadhli das Abkommen wieder, da ihn ein Elitetrupp von Präsident Salehs Spezialeinheiten festzunehmen versucht, was seine Anhänger zu verhindern wissen.

Die Lebensläufe Fadhlis und Awlakis wie auch schon bin Ladens und vieler weiterer der jemenitischen Szene verbundenen Dschihadisten führen alle zurück zu einem Mann, der prominent auf allen Listen internationaler Terroristen figuriert. Er heißt Abdul Majid al Zindani und führt in Sanaa seit 1993 seine eigene Universität: die Dschamia al Iman (deutsch: Glaubensakademie). Am nordwestlichen Stadtrand, an der Ausfallstraße nach Wadi Dhahr, zieht sich der Gebäudekomplex vom Umfang eines veritablen Dorfes hin, wo unter 5000 Studenten auch 500 ausländische Weltenbummler eingeschrieben sind – die unter anderem Awlaki lauschten. Das Zentrum von Sheikh Zindanis Universität, ein hochmoderner Kontrast zu Sanaas Weltkulturerbe, ist die Moschee: eine Lagerhalle von den Maßen eines Fußballfelds, mit Blechdach und industrieller Hallogenbeleuchtung. Zur Freitagspredigt kommen 4000 bis 5000 Betende zusammen.

Wagte Saleh es, dem amerikanischen Drängen nachzugeben und Zindani in Haft zu nehmen, würde dieser wohl von Zehntausenden seiner Anhänger in einem bewaffneten Volksaufstand befreit. Die 25 Millionen Einwohner Jemens verfügen über 50 Millionen Handfeuerwaffen, etwa zehn Stück je erwachsenem Mann über 18 Jahren.

Geboren um 1940 in einem Dorf bei Ibb, 200 Kilometer südlich von Sanaa, baut Zindani – nach Studienjahren ohne Abschluss in Kairo – in den siebziger Jahren den jemenitischen Ableger der Muslimbruderschaft auf. 1980 überzeugt er den saudischen Großmufti Abdulaziz bin Baz, ihn an der Universität von Dschidda bei der Gründung des „Instituts für die wissenschaftliche Einzigartigkeit des Korans und der Sunna“ zu unterstützen. Von dort aus wirkt er an der Rekrutierung vieler Tausend saudischer und jemenitischer Afghanistan- Freiwilliger mit und ist in den Achtzigern eifriger Gast in der pakistanischen Grenzstadt Peschawar. Zu Hause tut er sich ab 1990 als ideologischer Kopf der islamistischen Oppositionspartei Islah (Reform) hervor. Diese Abspaltung der Regierungspartei hat im 301 Abgeordnete zählenden Parlament 46 von 59 Sitzen der Opposition inne.

Als einem der mächtigsten Männer in Jemens innenpolitischer Arena ist es Zindani, anders als seinen Schutzbefohlenen von Al Qaida, an wirklicher Macht gelegen. In Sanaa sichert ihm das den Ruf eines Pragmatikers. Den seit Jahrzehnten wichtigsten Strategen der Radikalisierung von Jemens gesamtem Islamistenspektrum hofiert heute das Regime als den unentbehrlichen, weil einzigen religiöspolitischen Führer, dem zumindest das Potenzial eines De-Radikalisierers zugetraut wird. Allein in seiner Hand, so heißt es, läge es, der Gewalt der jemenitischen Qaida, die seit vergangenem Jahr als AQAP – Al Qaida in the Arab Peninsula – firmiert, die Legitimation zu entziehen.

Allerdings ist unklar, was bei der AQAP mehr Gewicht hat, das Wort Zindanis, der mit den Anhängern bin Ladens verhandeln will, oder die befehlsgewohnte Stimme von Generalmajor Ali Muhsin, dem zweiten Mann des Regimes und Schwager Fadhlis. Der heute Mitte Sechzigjährige war über zwanzig Jahre lang zuständig für die Rekrutierung jemenitischer Mudschahedin für ausländische Kriegsschauplätze, vom antisowjetischen Widerstand in Afghanistan bis zu den Schreckensschwadronen der irakischen Qaida unter Abu Musab al Zarqawi. Mit derselben Energie und Beständigkeit soll er sich der Rückkehrer angenommen haben, die im Jemen bis vor zehn Jahren ein gutes Dutzend Lager unterhielten. Bis heute gilt er als der Mann, der im Hintergrund die Fäden von AQAP zieht. Deren in Bereitschaft stehende Anhängerschaft wird auf 1000 Mann geschätzt, darunter 200 bis 300 Ausländer aus allen Kontinenten.

Als „Tanz auf Schlangenköpfen“ pflegt Präsident Saleh seine Amtsführung gern zu charakterisieren. Im permanenten Schacher um Machtanteile als dem einzigen Vehikel, das zu Reichtum führt, steht er seit 32 Jahren an der Spitze eines autoritären Staates, der zuweilen mit demokratischen Experimenten wie Wahlen sein Image aufzubessern sucht, aber weder eine funktionierende Gewaltenteilung noch Rechtssicherheit kennt. Im Umgang mit Menschenrechten erhält Jemen von Organisationen wie Human Rights Watch oder Amnesty International regelmäßig miserable Noten.

Das Land prägt zudem ein kategorischer, nicht verhandelbarer Lokalpatriotismus, der sich nicht auf den Norden mit seiner großenteils in Stammesverbänden organisierten Hochlandbevölkerung beschränkt. 1986 hatte ein blutiger Machtkampf in Aden die halbe kommunistische Führung ins nordjemenitische Exil getrieben. Mit diesem Personal versuchte Saleh nach der Vereinigung von 1990 die Gebiete der ehemaligen Volksrepublik zu unterjochen. Die Rechnung ging nicht auf, auch die heimgekehrten Südler widersetzten sich dem Diktat aus Sanaa; seit dem Sezessionsversuch von 1994 ist die gesamte südliche Elite, soweit sie in Aden jemals etwas zu sagen hatte, kaltgestellt.

Wer indes hält jetzt im neuerdings abtrünnigen Süden zum volksdemokratischen Ex-Staatschef Ali Salim al Beidh und wer zum Dschihadisten Fadhli? Die Menschen in Aden und dem Hinterland der Provinz Lahidsch zu Beidh, die im angrenzenden Abyan zu Fadhli. Ihre Kompatrioten im weit größeren Hadramaut im Osten, durch das der Großteil von Jemens Öl zu den Hochseeterminals von Bir Ali und Ash Shahir gepumpt wird, sehen sich weder durch den einen noch den anderen vertreten und ebenso wenig durch die Regierung. Und falls der Süden Sanaa ganz entgleitet? Dann wird er sich nicht unter einer Führung in Aden neu einigen, sondern in seine höchst ungleichen Teile auseinanderfallen – ein Prozess, der schon begonnen hat und für die Zivilbevölkerung, die in Unsicherheit lebt, ein gutes Stück weit fortgeschritten ist.

Nicht nur seine strategische Lage gibt Jemen sein Gewicht auf der Arabischen Halbinsel, in deren Boden ein Drittel der Erdölweltreserven liegt. Zieht man von ihrer gesamten Bevölkerung die vielleicht zwölf Millionen Ausländer ab, dann lebt die Hälfte der rund 50 Millionen Einheimischen im Jemen auf gut einem Sechstel des Gesamtgebiets von drei Millionen Quadratkilometern.

Die Grenzen des ärmsten arabischen Landes zu den reichen Nachbarn sind durchlässig, besonders die zu Saudi-Arabien, die sich vom Roten Meer über 1200 Kilometer weit nach Osten hinzieht. Jüngst ist das vor allem in Jemens nordwestlicher Provinz Saada deutlich geworden, wo seit 2004 Jahr für Jahr ein Konflikt wieder aufflammt, der in der zweiten Hälfte 2009 zu einem veritablen Bürgerkrieg eskaliert ist und auf saudisches Gebiet übergegriffen hat.

Die westlichen Medien berichten gewöhnlich von schiitischen Huthi-Rebellen. Das stiftet Verwirrung, weil noch vor kurzem im ganzen nördlichen Jemen bis über Sanaa hinunter Schiiten die ganz große Mehrheit stellten: nämlich Zaiditen, zu denen auch der Präsident gehört. In den vergangenen dreißig Jahren aber haben sich die Verhältnisse unter Jemens Glaubensgemeinschaften gründlich verändert, in erster Linie wegen der Hunderttausenden Jemeniten, die als Wanderarbeiter ihre daheim zurückgelassenen Familien ernährten und im nördlichen Nachbarland die wahhabitische Staatsreligion angenommen haben.

Noch vor 30 Jahren zählte die muslimische Weltgemeinschaft nicht mehr als etwa ein Prozent Wahhabiten. Von unerschöpflicher Finanzkraft getrieben, wütet seither ein saudischer Missionseifer, der von Paraguay bis nach Malaysia und Papua-Neuguinea Moscheen entstehen lässt und von Nigeria über Afghanistan, Pakistan und Indien bis nach Indonesien Zehntausende Koranschulen gestiftet hat, die allesamt das wahhabitische Bekenntnis zu verbreiten haben. Auch dem Jemen sind seit 1980 3000 bis 4000 solcher Madrassen beschert worden.

Der Furor dieser Weltmission mit ihrem doktrinären Rigorismus hat den Boden auch für Kräfte wie Al Qaida und AQAP bestellt, in denen man unter religiösem Aspekt nur wahhabitische Betriebsunfälle sehen kann. Nebst antiimperialistischem Erbgut ist in den ideologischen Entgleisungen ein theologisches Element hochwirksam, das sich ungehemmt des wahhabitischen Motivs „takfir“ (andere zu Ungläubigen – zu kafir – erklären) bedient – die Selbstermächtigung, alle Andersgläubigen, auch die große Mehrheit der Muslime, zu Ungläubigen und damit zu Feinden des Islams zu erklären.

Die saudische Mission gibt den Kontext auch für den Konflikt in Jemens Norden, in dessen Vorgeschichte wiederum der erste Golfkrieg und Jemens fatale Parteinahme für Saddam Hussein die Weichen stellte. Die Ausweisung der Gastarbeiter verschärfte im Jemen, wo noch immer über 70 Prozent der Bevölkerung auf dem Land lebt, die Ressentiments gegen die reichen Nachbarn, was sich mit patriotischen Abwehrkräften gegen die wahhabitische Mission mischte. Das war die Stunde der Huthis, die sich Anfang der neunziger Jahre in Gestalt der Organisation Gläubige Jugend und als Partei mit Namen Al Haqq (die Wahrheit) formierten und ins Parlament einzogen. Bis 2004 genossen sie die Unterstützung von Präsident Saleh. Ihn störte nicht, dass die Huthi-Sheikhs Hussein Badr ad Din al Huthi, der in den ersten Kämpfen getötete Gründer der Bewegung, wie auch dessen Sohn Badr ad Din, der heutige Führer der Rebellen, in Irans geistlicher Hochburg Qom studiert hatten. Doch seit der Eskalation im vergangenen Jahr sind diese für Saleh Vasallen Irans.

Brisanter ist, dass der Mann, der die jemenitische Armee im außer Kontrolle geratenen Norden kommandiert, ein wahhabitischer Konvertit ist: Ali Muhsin, Salehs zweiter Mann. Im Kampf gegen die Rebellen hat ihm der Staatschef und Oberkommandierende als Aufpasser seinen Sohn Ahmed zur Seite gestellt, dem die Eliteverbände der Spezialeinheiten und zudem die Präsidialgarde unterstellt sind. Die beiden Männer sind im Kampf um Salehs Nachfolge die gewichtigsten Rivalen. Als deren Alibi und Opferlamm, zwischen Hammer und Amboss, suchen sich die Huthis ihrer Haut zu wehren. Die Schreckensmänner der AQAP dagegen sollen in Muhsins Mehrfrontenoperationen nicht etwa zu dessen Feinden zählen, vielmehr heißt es, er pflege sich ihrer zu bedienen.

Die letzte Runde in dem Kampf, die vom August 2009 bis diesen Februar dauerte, soll alle Seiten teuer zu stehen gekommen sein, vor allem die Zivilbevölkerung, die keiner der Parteien zuzuordnen ist. 250 000 Menschen sind aus ihren Weilern vertrieben und in Lagern unter Regierungskontrolle zusammengezogen worden. Nachdem die Huthi- Rebellen über die Grenze ausgewichen waren, griffen Verbände der saudi-arabischen Armee in die Kämpfe ein – und hatten einige Hundert Todesopfer hinzunehmen. Seitdem, so hört man, wird in saudischen Führungskreisen erneut über die Frage nachgedacht, ob ein stabiler, wenn auch nach wie vor schwacher Jemen, nicht vielleicht doch viel eher im Interesse Riads sein müsste. Das gespannte Verhältnis der beiden Nachbarländer ist ein Erbe aus der Gründerzeit des saudischen Reiches. Dessen Gründerkönig Abdul Aziz ibn Saud empfand nämlich den Nachbarn im Süden als zu groß weswegen er ihm 1934 in einem letzten Expansionszug gewaltsam die seither saudische Südwestprovinz Asir entriss. Noch heute fühlt sich die Bevölkerung Asirs dem jemenitischen Sanaa näher als der saudischen Hauptstadt Riad, von der man sich sträflich vernachlässigt fühlt. Das ostjemenitische Hadramaut dagegen verfügt aufgrund seiner massiven Abwanderung noch zur Kolonialzeit heute in Saudi-Arabien über eine starke naturalisierte Hausmacht. Prominentes Beispiel: die Familie bin Laden.

Viel Zeit, sich eine neue Jemen-Politik auszudenken, haben die Nachbarn auf der Halbinsel nicht. Einstweilen steckt Saudi-Arabien Geld in Grenzwälle, die den Befestigungen der Grenze zwischen Mexiko und den USA nachempfunden sind. Jemens Wirtschaft befindet sich im freien Fall, und die strukturellen Probleme seiner Gesellschaft sind erdrückend. 68 Prozent der Bevölkerung sind 24 Jahre und jünger, die Hälfte 15 Jahre und jünger. Die Alphabetisierungsrate bei der weiblichen Bevölkerung liegt bei 35 Prozent, bei der männlichen bei 75 Prozent. Die Arbeitslosigkeit dürfte tatsächlich deutlich über den amtlich ausgewiesenen 38 Prozent liegen: Wo will man hin mit dem Heer unbeschäftigter Jugendlicher? Einen Mittelstand gibt es kaum noch: Bezog ein Ministerialbeamter mit westlichem Hochschulabschluss 1980 noch ein Salär von 1000 Euro, so ist davon heute nur noch ein gutes Zehntel übrig geblieben. Der jemenitische Rial hat im ersten Quartal 2010 ein Achtel seines Werts verloren, und da in Jemen 80 bis 90 Prozent der Konsumgüter importiert werden, darunter auch ein Großteil der Grundnahrungsmittel, übersetzt sich der Währungsverlust beinahe unverzögert in Inflation. Ein ständig wachsender Teil der Bevölkerung, deren Hälfte von weniger als zwei Dollar am Tag lebt, findet sich ins Elend abgedrängt.

Das Erdölexportgeschäft, aus dem der Staat drei Viertel seiner Einnahmen bezieht, hatte, bedingt durch Preis und Fördermenge, 2009 gegenüber dem Vorjahr einen Einbruch von 60 Prozent zu verkraften. Bereits der gegenwärtige Haushalt hinterlässt in der Staatskasse einen Jahresfehlbetrag von zwei Milliarden Euro. In entsprechendem Tempo werden die Hartwährungsreserven, derzeit noch etwa vier Milliarden Euro, aufgezehrt. Noch vor 50 Jahren war Aden der wichtigste Hafen des British Empire östlich von Sues und einer der wichtigsten der Welt. Der südarabische Stützpunkt am Bab al Mandab, dem nur 27 Kilometer breiten Ausgang des Roten Meers zum Golf von Aden und zum Indischen Ozean, an einem der wichtigsten Seewege der Welt, schien auch noch für die Sowjets seinen strategischen Wert zu haben. Den Strand Südjemens trennen ganze 250 Kilometer von Ostafrikas Küste, wenig mehr als die halbe Entfernung nach der Hauptstadt Sanaa. Jemens mehr als 1000 Kilometer lange Südküste am Indischen Ozean könnte bald der des gegenübergelegenen Somalia gleichen, mit dessen Menschen-, Waffen-, Drogen- und Raubgutschmugglern jemenitische Partner schon seit Jahren einen regen – teils ungewollten, aber dennoch profitablen – Austausch pflegen. Nicht nur von Dschihadisten der somalischen Shabab-Milizien, die sich als Verbündete von Al Qaida bezeichnen, hätten hier Araber noch zu lernen, auch von den Piraten.

Das ist die Vision heute im vollends heruntergekommenen Dachrestaurant des Rock Hotels mit Blick über den alten Hafen von Steamer Point: zu beiden Seiten des Golfs von Aden ein 1500 Kilometer breiter Korridor aus No-go-Land, vom Nordosten Kenias bis zur Grenze Saudi-Arabiens. Hier verläuft der südwestliche Abschnitt der Front in George W. Bushs fortdauerndem „Global War on Terror“, die sich nordöstlich des Golfs durch Afghanistan und Pakistan bis nach Zentralasien fortzieht. Wirtschaftliches und soziales Elend ist nicht der viel beschworene Nährboden des Terrorismus, sonst käme er nicht aus der arabischen Halbinsel, sondern aus Bangladesch, aber an Abwehrkräften hat ihm die soziale Misere, an der sich die Staatsführung schadlos hält wie die Made im Speck, wenig entgegenzusetzen.

    • * GEORG BRUNOLD reiste erstmals 1980 in den Jemen und war seitdem bei weiteren drei Besuchen ausführlich in dem Land unterwegs. Er ist Herausgeber von „Nichts als die Welt. Reportagen und Augenzeugenberichte aus 2500 Jahren“. Galiani, Berlin 2009.