1001 Ironie der Selbstbestimmung

Von Georg Brunold, Gastkolumne im Bündner Tagblatt, 09.08.2011

Was Business ist, bestimmt der Kunde. Der Kunde allein und seine Geneigtheit, für ein Gut oder eine Dienstleistung zu bezahlen, verwandeln wirtschaftliche Ressourcen in Wohlstand», schrieb Peter F. Drucker (1909–2005). So der «überragende Management-Denker unserer Zeit», wenn wir dem Magazin der Harvard Business School mit gleichem Namen glauben wollen. Ein weiterer eminenter Management-Denker unserer Zeit ist Frank Böckelmann. Auch Wirtschaftsführer unserer Zeit könnten von ihm nicht weniger lernen als die Exponenten der Verbraucherbewegungen, denen er wahrscheinlich nähersteht, und die laut Drucker die Schande des zeitgenössischen Managements sind. Dieses, so der unbestechliche Guru, hinkt ihnen nämlich bis heute auf der ganzen Strecke hinterher. In Böckelmanns «Risiko also bin ich. Von Lust und Last des selbstbestimmten Lebens» wird alles gemanagt, und zwar in höchster Effizienz, vom Nachttisch aus in kleinen Feuerwerksbouquets von A wie Alkohol, Alterssicherung und Anti-Aging bis zu Zeitmanagement. Obacht: Dieses «unterbindet die kleinen Fluchten im Arbeitsleben», und die «Verwandlung der Arbeitszeit in reinen Rohstoff macht auch vor der privaten Zeit nicht halt».

Böckelmann erkennt Gefahren von allem Anfang an: in Bergsteigen, Bloggen und Brustkrebs-Früherkennung, in Designerdrogen, Diät und Fitnesstraining, in Geldanlage, Karriereberatung und Katzenhaltung, in Mobiltelefon, Mutterschaft und Nichtstun, in positivem Denken, Psychotherapie und Reisen in Schwarzafrika, in Schönheitsoperationen, Sterbehilfe und Vereinstätigkeit, in Versicherungen, Wellness und Wissenschaftsgläubigkeit, um nur einen kleinen Bruchteil seiner 121 Stichwörter aufzuzählen. Sie decken ein breites Spektrum von Disziplinen des Selbstmanagements ab. Auch darüber, dass da noch unendlich mehr zu tun und nur erst eine geringe Anzahl schmalster Segmente angetippt ist, lassen sie keinen Zweifel, können uns davon aber eine Vorahnung vermitteln.

Es geht, wie erwähnt, um einen in allen Himmelsrichtungen aufs Rasanteste wachsenden Markt: nämlich eben um Selbstmanagement, und es geht um jene brachialen Marktkräfte, die diesen genau wie andere Märkte aus einem Nachfragemarkt in einen Anbietermarkt mutieren lassen. «Die häufigste Krankheit ist die Diagnose», sagte Karl Kraus, und als vor dreißig Jahren das sudanesische Staatsfernsehen für Tempo-Taschentücher zu werben anfing, wurde es in der Gesellschaft Khartums ungemein schick, einen Schnupfen zu haben. «Die Betreuung durch einen Scheidungsanwalt», fürchtet Böckelmann, «löst häufig den totalen Streit erst aus», und überhaupt: «Berater neigen dazu, ihre Klientel in Abhängigkeit zu halten», nicht anders, denkt man, als das Einkaufszentrum, wo es alles gibt.

Auch Böckelmann berät, und ist das nun nicht eine verzwickte Sache? Bewerbung: «Was im Leben ab 14 ist nicht Bewerbung?» Und wer würde es noch wagen, allein auf seine korrekten Unterlagen zu setzen? «Fehlerlosigkeit ist nur die Bedingung der Möglichkeit eines Jobs.» Überbietung fordert Bereitschaft zu beträchtlichen Risiken: das der Schauspielerei oder das noch größere der Offenheit – die dafür vielleicht da und dort dank ihrer Seltenheit zum Ziel führt? «Durch Hoch- oder Tiefstapelei betrüge ich den Arbeitgeber nicht, denn ich biete ihm, was er sucht, ein Talent. In Zeiten des Verschleißes von Individualität (vgl. Mitarbeiterführung) ist es ratsam, die Dressur zum erwerbsmäßigen Kriechertum aufzukündigen, sei es durch Unverblümtheit, sei es durch kunstvolle Blendung.»

Aber der Sprühregen von Aha-Erlebnissen ist menschenfreundlicher Art. Böckelmann ist zu verschmitzt und eben selber zu schüchtern, schonend, unaufdringlich, um uns, mit seinem Buch im Bett, die Entspannung gänzlich zu versagen (zuweilen möchte man sich fast in Abhängigkeit davon begeben). Die Arsenale der karrierebezogenen Aufrüstung, des häuslichen Managements, der Vorsorgemaßnahmen, Freizeitaktivitäten und Therapien, die darauf folgen, fügen sich in dem Band zu nicht abreißenden Paraden, die uns doch auch einen Funken Hoffnung lassen, darunter könnte etwas zur Verbesserung unseres Loses beitragen. Und die Risiken derweil, die sie ganz offenkundig alle ohne Ausnahme mit sich bringen, stimmen uns nicht nur darauf ein, dass es vor ihnen kein Entrinnen gibt, sondern können uns überdies dazu ermutigen, nebst den Risiken all unserer wackeren Anstrengungen und Taten sogar einmal das Risiko der einen oder anderen Unterlassung einzugehen. Ersparen wir uns also vorderhand eine Verhaltenstherapie, denn sie «schlägt die Leidenden unfehlbar mit Eigenverantwortung für alle Symptome», warnt Böckelmann. «Leiden sondert ab. Wer unter einem Symptom leidet, möge es unbehandelt links liegen lassen, sich seinen Stärken widmen und zu Zwängen, Manien, Passionen wechseln, die in großen gemeinschaftlichen Spielräumen ablaufen. Dann verschwindet irgendwann und unbemerkt das quälende Symptom in einem anderen – bei Licht besehen die einzige Weise, wie es überhaupt verschwinden kann.»

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Frank Böckelmann: «Risiko also bin ich. Von Lust und Last des selbstbestimmten Lebens.» Galiani Berlin, Berlin 2011. 302 S.

Georg Brunold, Bürger von Arosa, lebt als freier Autor mit seiner Familie in Nairobi, Kenia.